CHAOS-Tage in Hannover....Die Polizei greift durch - und auch daneben... oder, wenn der Presseausweis wertlos wird


Eine Darstellung von Jo Schrader nach einem Berichten der Journalisten Björn Fischer und Oliver Förste

Sonntag Mittag, 12:10 h. Björn Fischer, Musik-Redakteur und Journalist bei Radio FLORA meldet sich im Sender. Er sei gerade aus dem Gefängnis - der Polizeigewahrsam im Polizeirevier Hardenbergstraße nach Hause gekommen. Dort habe er nach Festnahme durch Polizeieinheiten die Nacht verbringen müssen.

Fischer war zur Berichterstattung über die Chaos-Tage am Sonnabend abend in der Nordstadt am Sprengel-Gelände.

Dort, so sagt er, hätten die Punks gefeiert. Eine Musikanlage sei vor der Bürgerschule aufgestellt gewesen, die Leute hätten getanzt und sich rund um ein Lagerfeuer im Hof vor der Bürgerschule aufgehalten. Zu dieser Zeit habe die Polizei links und rechts in der Schaufelderstraße bereits Stellung bezogen, einzelne Einsatzfahrzeuge und berittene Polizisten hätten die Straße vor dem Sprengel-Gelände passiert. Über dem Gelände kreiste ständig ein Hubschrauber der Polizei. Einige Punks hätten sich während dieser Zeit auf der kaum befahrenen Straße aufgehalten, um ihrerseits das Polizeiaufgebot zu beobachten. Dabei wurden sie - teilweise erfolgreich von Leuten aus den eigenen Reihen aufgefordert, sich von der Straße aufs Sprengel-Gelände zurückzukehren.

Etwa gegen 22:00 sei die Polizei dann - Helm auf, Schilde hoch - nähergerückt. Daraufhin habe sich Panik unter den Punks ausgebreitet. Es wäre alles friedlich geblieben, hätte sich die Polizei zurückgehalten, so die Einschätzung Fischers. Diese rückte aber dennoch massiv vor.

Man habe daraufhin seitens der Punks Barrikaden aus Flaschencontainern errichtet. Jemand habe auch Material von den Lagerfeuern auf die Container geworfen. Dann sei alles innerhalb von wenigen Sekunden vorgegangen, so Fischer Die Polizei sei mit mehreren Hundertschaften sowohl über die Schaufelderstraße als auch über die angrenzenden Hinterhöfe auf das Gelände gestürmt. Die Anwesenden seien eingekesselt,teilweise auf den Boden geworfen worden. Dabei seien auch die Wasserwerfer vorgerückt. Fischer berichtet, die Fahrzeuge hätten auf dem Gelände Schäden, u. a. durch Umfahren von Schildern angerichtet.

Einige der Punks flüchteten sich in das Gebäude auf dem Sprengelgelände, wobei die Polizei sofort nachsetzte und sämtliche Menschen dort zunächst festnahm. Sowohl die Hinterhöfe rund um das Sprengel-Gelände wie auch die Nachbarhäuser wurden von Uniformierten wie Zivilpolizeikräften bis zu den Dächern hin durchsucht. Dabei kam es unter anderem im Haus Schaufelderstraße 29 zu Gebäudeschäden.

Offenbar ging die Polizei bei ihrer Aktion nicht sehr zielgerichtet vor. So nahmen Einsatzkräfte im Haus Schaufelderstraße 29 einen unbeteiligten türkischen Jugendlichem im Alter von 14 Jahren im Fahrstuhl in den Schwitzkasten, wie dieser noch am Abend dem Journalisten Oliver Förste berichtete.

Wie Fischer betont, habe er selbst am Ort des Geschehens gestanden, um zu berichten. Dennoch gelangte auch er in den Polizeikessel. Den einkesselnden Polizeikräften zeigte er sowohl seinen, von der IG-Medien ausgestellten Presseausweis, wie auch ein Schreiben von Radio FLORA, das ihn als Berichterstatter für den Sender auswies. Die Reaktion der Einsatzkräfte beschreibt er mit den Worten: "Wenden Sie sich doch an Klosa..." (Anmerk.: Polizeipräs. v. Hannover).

Andererseits berichtet Fischer über ein höfliches und freundliches Auftreten derjenigen Polizisten, welche den Abtransport der Festgenommenen durchführte, der jedoch infolge einer Panne am Transportfahrzeug zwei Stunden dauerte.. Jedoch hätten auch diese Einsatzkräfte mit Hinweis auf ihre Order, alle festzusetzen, den Journalistenstatus Fischers nicht berücksichtigt. Er habe ja irgendwelche Straftaten begangen haben können, so der Hinweis. In diesem Zusammenhang stehen auch die Aussagen anderer Medienvertreter. Die Redakteure Oliver Förste und Reza Salimi berichteten ebenfalls über Probleme, trotz ihrer Presseausweise die Polizeiabsperrungen zu passieren.

Gegen 24 h war der Abtransport in die Polizeiwache Hardenbergstraße vollzogen. Dort trat, so Fischer, das übliche Verhalten der Polizei den Punks gegenüber wieder hervor. Diese wurden angeschrien, teils geschubst und sogar getreten. Bei manchen wurde die vorher angelegte Fesselung noch extra verschärft, berichtet Fischer. Die Personalien der Festgesetzten wurden aufgenommen. Ebenso wurden sie durchsucht. Manchen wurde u. a. die Jacken abgenommen.

Die Nacht verbrachten sie dann zu etwa 50 - 60 in einem Käfig von ca 35 Quadratmetern Größe im Freien. Kaum die Hälfte hatten ausreichend Platz, die meisten mußten hocken oder gar stehen - und dies über Stunden. Ebensowenig gab es ausreichend Decken. Meist teilten sich bis zu drei Menschen eine Iso-Matte. Toillettengang und Wasserversorgung gab es erst nach massivem Bitten.

Ein erneuter Hinweis Fischers auf seine journalistische Tätigkeit und seinen Presseausweis wurde lediglich mit provozierenden Sprüchen bezüglich seiner Stellung im Sender FLORA beantwortet. Und er würde so behandelt, wie alle anderen Festgenommenen...

Am Morgen gab es dank einer sozialen Einrichtung eine warme Suppe für die Festgenommen. Fischer berichtet von einer erneuten Durchsuchung. Auch hierbei verwies er erneut auf seine Tätigkeit als Journalist, wie vorher jedoch erfolglos. Schließlich habe einer der Polizisten gesagt, er käme vielleicht etwas eher als andere aus der Gewahrsamnahme heraus. Gegen 11:30 durfte Fischer als einer der ersten das Gebäude verlassen. Etwa 266 Leute seien noch am morgen noch in Gewahrsam gewesen, berichtete der Journalist Förste mit Berufung auf Sprengel- Kreise. Andere, so Fischer, die später aus der Gewahrsamnahme entlassen wurden, brachte die Polizei direkt zum Bahnhof zu den Zügen, ohne daß sie ihre teils noch in der Nordstadt stehenden Autos nutzen durften.

Nachfolgend soll erwähnt werden, daß bereits am Sonnabend die Polizei im Bereich Nordstadt Punks teilweise bis in Lokale verfolgte. So berichtet Förste über Schäden in einer Nordstadtkneipe, die infolge des Einsatzes entstanden seien. Auch Einzelpersonen seien beim Durchqueren des Georgengartens angehalten und zur Angabe der Personalien aufgefordert worden heißt es .

Abschließend sei noch vermerkt, daß sich Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg für den gelungenen Polizeieinsatz bedankt. Die PolizistInnen hätten die schwierige Aufgabe hervorragend gelöst, heißt es in einer Pressemitteilung, die Radio FLORA am Sonntag (6.8.2000) erreichte. Sie hätten in den vergangen Tagen umsichtig und angemessen gehandelt, dankte der OB den Polizeikräften aus Hannover Niedersachsen und anderen Bundesländern. Man habe im Stadtgebiet und besonders in der Nordstadt für Ruhe und Ordnung gesorgt. "Rund 200 sogenannten Punks", so die Mitteilung, seien wegen Sachbeschädigung sowie anderer Gesetzesverstöße in Gewahrsam gekommen. Schmalstieg begrüßte, daß keine BewohnerInnen des Sprengelgeländes sich unter diesen Festgenommenen befänden. Wer friedlich feiern wolle, sei bei allen Hannoveranerinnen und Hannoveranern willkommen. So wie derzeit die täglich Tausenden Expo-Besucher aus aller Welt, ergänzte Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg.




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